10. Etappe Dillingen – Oberkochen – Esslingen

Bereits am Vorabend hatte Karl-Heinz bei seinem wie immer topprofessionellem Briefing auf die Herausforderung hingewiesen, die die letzte Etappe der Euro-Tandem-Tour in sich barg. Aber was konnte unsere Recken noch erschrecken?!
Wer den Mont St. Odile erklommen hatte, wer den Steigungen in Österreich die Stirn geboten hatte, der zuckte nur noch müde mit der Schulter, als es hieß: morgen erwarten uns 145 km, am vormittag geht es 250 m hoch und danach 180 m hinab, am Nachmittag müssen 740 Höhenmeter überwunden werden und danach geht es 660 m hinab ins Neckartal.

Nach dieser Ansage verteilte sich das bunte Trüppchen in der wunderschönen Dillinger Altstadt, wo die meisten dafür sorgten, dass ihr Zuckerhaushalt vor dem Albaufstieg durch die dortigen Eisdielen ins Gleichgewicht gebracht wurde. Mit viel Gelächter und dem einem oder anderen Schniefen und Husten ging es dann zur verdienten Bettruhe.

Wie immer startete der Tag mit einem Besuch im Rathaus.

Oberbürgermeister Frank Kunz nahm uns um 7.15 Uhr herzlich in Empfang, versorgte uns alle mit Schokolade und ließ uns noch schnell wissen, dass Dillingen die ideale Station unserer Tour sei. Dillingen als Stadt der Caritas verfügt über große Erfahrung im Umgang mit Menschen mit Behinderungen. Sie liegt außerdem am Donauradwanderweg, so dass man schon längst eine Infrastruktur für RadlerInnen aufgebaut habe und aller guten Dinge sind drei: in Dillingen ging Sebastian Kneipp zur Schule.
Seine berühmten Anwendungen zur Stärkung des Immunsystems werden heute noch in Dillingen praktiziert und den RadlerInnenwaden kann es nur guttun, wenn man sie durch kaltes Wasser stapfen lässt.
Bevor sich jemand für eine Verlängerung des Aufenthalts in Dillingen entscheiden konnte, blies Roland unerbärmlich in seine Trillerpfeife (die er am Ende der Tour als Erinnerung dem Roten Baron schenken wird) und das letzte heiße Pflaster wartete auf uns.

Alle stiegen in die Pedalen, als müsste der Jubiläumstour gezeigt werden, dass sie würdige TeilnehmerInnen hat. Das Tempo wurde erhöht. 26 km/h.

Plötzlich war der verzweifelte Aufschrei von Roland zu hören: Ihr seid viel zu schnell, Ihr werdet viel zu früh da sein. Speed zurück, bei Zeiss in Oberkochen wurde auf Hochtouren vorbereitet und dann fuhr der Tross der Sehenden und Sehbehinderten/Blinden auf dem Werksgelände des großen deutschen Optikunternehmens Carl Zeiss unter viel hipp,hipp, hurra ein.

Seit vielen Jahren unterstützt die Fa. Carl Zeiss die Euro-Tandem-Touren und ihr Motto "Ideen, aus denen Innovationen werden" können auch wir uns auf die Fahnen schreiben, denn aus der Idee, für die Forschung und Aufklärung in Bezug auf Netzhautdegenerationen zu radeln, wurde eine nun schon zwanzig Jahre währende Tradition.
Die Fa. Zeiss trägt mit ihrer ideellen und finanziellen Unterstützung maßgeblich zu diesem Erfolg bei. Dafür danken wir im Namen aller Sehbehinderten und Blinden!

Im Besucherzentrum der Fa. Zeiss wurden wir dann herzlich von Herrn Joachim Kuss, Frau Hartmann und Herrn Schnobel begrüßt. Herr Kuss führte in seinem Begrüßung aus, wie wichtig dem Unternehmen der Kontakt zu Menschen sei, die in irgendeiner Form von der Forschung und den Produkten von Zeiss profitieren. Nur der enge Kontakt liefere Ideen für eine künftige Ausrichtung und künftige Innovationen.

Bei einem fürstlichen Mittagsmahl, bei dem besonders die Vegetarier auf ihre Kosten kamen und diesmal nicht in der Nudelecke verschwanden, bedauerte so mancher, nicht in der Optikbranche ausgebildet worden zu sein.

Auch Herr Traub, Bürgermeister von Oberkochen, ließ es sich nicht nehmen, uns zu begrüßen und für den letzten Teil der Etappe viel Glück zu wünschen.
Dass er ein Mann er Tat ist, bewies er, als er beim Mittagessen dem armen Horst im Kampf mit dem Filetbraten kurzerhand zur Seite sprang und die Bratenscheibe in gabel- und mundgerechte Stücke zerlegte.

Weiter so, solche Menschen braucht die Politik!

Von Oberkochen aus wurde es noch einmal steil, aber als Zuschauerin als dem Infobus gewann man den Eindruck: egal, was kommt, nichts kann diese tolle Gruppe mehr aufhalten. Auch in den Begleitfahrzeugen herrschte allgemeine Munterkeit und viel Spaß am Dasein:

- Mona hatte Spaß, weil sie die Bananen endlichlos war.

- Mirijam hatte Spaß, weil der Info-Bus zum ABBA-Sound rockte.

- Roland hatte Spaß, weil Gerhard nicht mehr nach seiner Tasche suchte.

- Herbert und Jürgen hatten Spaß, weil keine Kette mehr heraussprang

Und

- Vladi hatte Spaß, weil er nach 1060 km endlich das Radio bei sich im Auto gefunden hatte und nun lustig trällernd in Esslingen einfahren konnte.

Als der Tross kurz vor 17 Uhr durch Oberesslingen radelte, waren unsere Gedanken alle bei Jutta.
Es war und ist schade, dass sie das Lachen und die Freude kurz darauf vor dem Alten Rathaus in Esslingen nicht miterleben konnte. Aber sei Dir gewiss, liebe Jutta, du warst da, du warst bei uns und wir sind Dir sooooooo dankbar, dass Du eine so tolle Tour vorbereitet und von Esslingen aus begleitet hast.

Vor dem Rathaus wartete schon der 1. Bürgermeister Herr Wilfried Wallbrecht auf uns und war sprachlos, dass man eine so lange Strecke auf die Minute genau nach geplante Zeitvorgabe beenden kann. Tja, das sind die Meisterwerke unseres Karl-Heinz!
Auch Herr Martin Turetschek von der KSK Esslingen waren gekommen, um miterleben zu dürfen, wie großartig ihre Sponsorengelder bei uns angelegt sind und die Freude aller war eine schöne Rendite für das Geldhaus.

Um das Glück abzurunden spendierte die Stadt Esslingen spritzigen Schampus flankiert von leckeren Amuse-gueule.

Lange standen Kommunalpolitik, Sponsoring und die Euro-Tandem-Tour 2016 an den vor dem Rathaus aufgebauten Tischen und freuten sich über den Erfolg dieses Unterfangens im Namen von Aktion Mensch und unter der Schirmherrschaft des Europäischen Parlaments. Neugierige Passanten blieben stehen, Journalisten bastelten schon an ihren Texten und die letzten Fotos wurden gemacht.

Die Sonne schien immer noch. Für diejenigen, die das nicht mehr sehen konnten, schien sie direkt ins Herz.

Am Abend fand dann das Galadiner in Esslingen statt. Endlich konnte man auch diejenigen kennenlernen, die im Vorfeld der Tour Horst Hunderte von Telefonnummern gewählt und ebenso viele E-Mails vorgelesen hatten. Danke Birgit und Charles!

Ein großes Dankeschön gehört Hella. An der Seite von Horst hat sie über viele Monate hinweg miterlebt, wie viel Arbeit und Schweiß in einer solchen Tour steckt. Sie fand in dieser Zeit oft die Lösung des Problems und war auch stark genug, den Kerl ab zu von der Tour loszueisen und auf einen Entspannungstrip zu schicken!

Den Dankesworten folgten viele. Wir Teilnehmenden wissen, welch großartiger Einsatz von jedem Einzelnen geleistet wurde. Wir sind zusammengewachsen und gehen nun wieder in unseren Alltag zurück. Wir gehen aber mit der Gewissheit zurück, dass wir uns an einem noch zu bestimmenden Ort zu einem noch zu bestimmenden Zeitpunkt wieder gemeinsam aufs Rad setzen und weitermachen wollen in unserem Kampf Sehbehinderten und Blinden in unserer Gesellschaft dabei zu helfen, Zugang zu Sport und Gemeinschaft zu finden.


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